Gegen radikale Untätigkeit

Die Linzer Verkehrssituation vereinigt alle Teilnehmer*innen in Frust. Egal ob Autofahrer*innen, Radfahrer*innen, oder Fußgänger*Innen, Öffi-Nutzer*innen oder Umweltschützer*innen: Zufrieden ist eigentlich niemand. Wie man diesen gordischen Knoten auflösen könnte, beschäftigt Clemens Brandstetter, Fan von Rollkragenpullovern und Mitglied des Linzer Gemeinderates für die Partei Wandel. Unterstützt wird er dabei von Tobias Watzl, der sich in Sachen Mobilität auf Klimaticket und Klapprad verlässt. Wovon Linz mehr oder weniger braucht, verraten sie im Gespräch.

Der Typus des jugendlichen Politikers ist in den letzten Jahren in Verruf geraten. Clemens Brandstetter, das Linzer Gesicht des „Wandel“ und Mitglied des Gemeinderates, möchte das gerne ändern. Die Jugendlichkeit an sich soll aber nicht sein Hauptmerkmal sein, in unserem Gespräch im Rahmen des Bismarckstraßenfestes fallen ihm auch gleich mehrere Mitglieder des Gemeinderates ein, die jünger sind als er. Diese seien aber stark in einen Parteiapparat eingebettet, erzählt Brandstetter, deshalb würden sie sich automatisch älter verhalten, als sie tatsächlich sind. Mit von der Partie ist außerdem sein Parteikollege Tobias Watzl, ein stolzer Autobesitzverweigerer und Zugfan, der sich mit Klimaticket und Klappradl durch die Welt schlägt.

Mit live Loungejazz im Ohr und köstlichem Brandlgebäck im Mund, neugierig beäugt von älteren Damen- und Herrschaften, sollen mir die beiden zu Fragen der Verkehrspolitik Rede und Antwort stehen. Grundsätzlich meint Brandstetter, dass wir die Wahl zwischen Veränderung by Design und Veränderung by Desaster hätten. Passivität führe in die (Klima-) Katastrophe; es bedürfe konkreter Ziele und Umsetzungsschritte, quasi kein Kopf-in-den-Sand-stecken, sondern aktives Handeln. Radikal sei nicht das Programm von Wandel, sondern die Untätigkeit der anderen. Außerdem fehle jede „Energieeinheit“ (also z.B. Geld oder Arbeitszeit), die in klimaschädliche Projekte fließt, dann bei tatsächlich nachhaltigen Projekten. 

Auf die Frage, ob sich das Wandel-Mobilitätskonzept auf unsere „Wim“ Formel anwenden ließe, antwortet Brandstetter: Weniger Ressourcen verbrauchen, mehr Lebensqualität erzielen. Besonders deutlich wird diese Herangehensweise in dem Vorhaben, den Privatbesitz von Autos zurückzudrängen. Watzl findet dafür eine schöne Metapher: Das Auto sei ein Werkzeug, ein durchaus nützliches sogar, es werde halt einfach falsch (d.h. zu viel) eingesetzt. Niederschwelliges, flächendeckendes Car-Sharing zum Selbstkostenpreis sei die Lösung für dieses Dilemma. Den Platz, der durch weniger Autos in der Stadt entstehen würde, könnte man dann für andere, nachhaltige Unternehmungen nutzen. Wichtig ist ihnen außerdem zu betonen, dass es die öffentliche Hand sein soll, die diese Autos zur Verfügung stellt. Dadurch will man den Datenausverkauf, der bei privaten Unternehmen schnell vorkommen kann, verhindern.

Wofür den durch die Autoreduktion gewonnenen Platz also nutzen? Die sanfte Mobilität, also zu Fuß gehen, Rad fahren und Ähnliches, soll mehr Platz bekommen. Vor allem für die Radmobilität gibt es ein umfangreiches Konzept: Dem Wandel schwebt eine Nord-Süd-Radachse zwischen Urfahr und Ebelsberg als Rückgrat für den Linzer Radverkehr vor. Außerdem wird eine zusätzliche Rad- und Fußgängerbrücke gefordert, die eine Alternative zur allgemein verhassten Nibelungenbrücke bieten soll. Weiters soll mehr Land in der Stadt kommen, Stichwort Urban Gardening.

Für mich als autolosen Ex-Linzer klingt das fast schon zu verlockend, als dass es wirklich umgesetzt werden könnte. Wie realistisch sind diese Forderungen? Mit dem erfolgreichen Antrag zu einer Umgestaltung der innerstädtischen Domgasse konnte der Wandel seit dem Einzug in den Gemeinderat vor knapp einem Jahr durchaus Achtungserfolge erzielen. Das gelang vor allem durch clevere Community-Arbeit in den Grätzeln. Dass die Reduktion des privaten Autobesitzes ein anderes Kaliber darstellt, ist Brandstetter durchaus bewusst. Er spricht im Fall von Car-Sharing von Netzwerkeffekten, das Ganze funktioniere erst, wenn ein gewisser Grad an Nutzung erreicht wird. Von den neugierigen Bismarkstraßenbewohner*innen an unserem Tisch kann er vorsichtigen Zuspruch ernten, und die wirken nicht wie Wandel-Stammwähler*innenschaft. Es lässt sich jedenfalls sagen, dass die Impulsive für ein (auf den ersten Blick) radikales Tun, die man seit neuestem aus dem Gemeinderat vernehmen kann, besser sind als das radikale Nichts-Tun der letzten Jahre. Wie viele konkrete Projekte dann wirklich umgesetzt werden, ist bei einer doch eher kleineren, neuen Partei erst einmal Nebensache.

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