Der Körper als Waffe der Machtlosen

Ob Erhaltung der Gesundheit, Sorge um das Wohl von Tieren, körperliche Selbstoptimierung oder Festigung des Glaubens: Es gibt viele gute Gründe, warum es lohnend sein kann, vorübergehend oder dauerhaft auf die Aufnahme von (bestimmten) Lebensmitteln zu verzichten. Ein selten beleuchtetes Phänomen in diesem Zusammenhang ist die Nahrungsverweigerung aus politischen Motiven. Grund genug für die Reduktion, sich dem Thema „Hungerstreik“ einmal ausführlicher zu widmen.

 

Beginnen wir mit der naheliegendsten Frage: Was ist eigentlich ein Hungerstreik? Forscher*innen verstehen darunter den freiwilligen Verzicht auf Nahrung mit dem Ziel, ein weitreichenderes Anliegen umzusetzen oder zumindest ein öffentliches Bewusstsein für dieses Anliegen zu schaffen. Wie der Name schon andeutet, ist ein Hungerstreik also eine Form von Protest – bekannt wurde etwa der Fall der Aktivistin Martha Krumpeck, die im Sommer 2021 über fünf Wochen lang am Wiener Heldenplatz öffentlich hungerte, um gegen die Zerstörung der Umwelt zu demonstrieren.

 

Wie sind Hungerstreiks entstanden?

Spannend ist in diesem Zusammenhang auch ein Blick in die Geschichte. Wie der Historiker Maximilian Buschmann darlegt, konnte sich der Hungerstreik als Protestform erst entwickeln, als eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln um 1900 in den Gesellschaften Europas

  1. aufgrund der industrialisierten Landwirtschaft immer einfacher umsetzbar war und

  2. nicht mehr als individuelle, sondern als staatliche Aufgabe wahrgenommen wurde.

Besonders dort, wo der Staat unmittelbar für die Ernährung seiner Schutzbefohlenen zuständig war, entwickelten sich dann auch die ersten Praktiken von Hungerstreiks: in Gefängnissen. Bekannt ist etwa das Beispiel der Sozialrevolutionäre in Russland und Indien bzw. Irland, die durch den Nahrungsverzicht ihrer sozialistischen bzw. republikanischen Agenda aus der Gefangenschaft heraus Nachdruck verleihen wollten. Oder auch jenes der britischen Suffragetten, die sich auch im Gefängnis noch mittels Hungerstreiks für das Frauenwahlrecht stark machten.

In den 1960er Jahren kam es dann zu einer Erweiterung des Anwendungsbereichs von Hungerstreiks. Nicht mehr bloß (aber immer auch noch) politische Gefangene nutzten den Nahrungsverzicht für die Durchsetzung politischer Ziele. Als Form des gewaltfreien Protests etablierte sich der Hungerstreik auch abseits der Gefängnisse und findet seither bei vielen Anliegen in den Bereichen Menschenrechte, soziale Ungleichheit, Arbeitsbedingungen, Migration und Asyl Anwendung.

 

Wie funktioniert ein Hungerstreik?

Der Verzicht auf Nahrung folgt meist einem einfachen Prinzip: Wer nichts außer dem eigenen Körper besitzt, dem bleibt Hungerstreik oft als einzige Option des Kampfes um Anerkennung als politisches Subjekt. Der Protestforscher und Soziologe Peter Ullrich formuliert es in einem Interview folgendermaßen:

„Es ist die Selbstermächtigung von Menschen, die in der gesellschaftlichen Macht- und Wohlstandspyramide ganz unten stehen, mit den geringsten Beteiligungschancen und den größten Restriktionen.“

Besonders geflüchtete Menschen, also Bevölkerungsgruppen mit stark eingeschränkten Rechten, verwendeten in den vergangenen Jahren Nahrungsverzicht als Protestform. Der Hungerstreik ist dann meist ein Akt der Verzweiflung, ein letzter Strohhalm auf dem Spektrum der politischen Handlungsoptionen. Wer nicht wählen darf und keine Unterschriftenaktion starten kann, hört auf zu essen und – im Falle eines so genannten „trockenen Hungerstreiks“ – auch zu trinken, was die Bedrohung des eigenen Körpers noch einmal akuter macht.

 

Was bewirken Hungerstreiks?

Über die Effektivität von Hungerstreiks Aussagen zu treffen ist schwierig. Wovon auszugehen ist: Der Versuch der „Erpressung der Mächtigen durch die Unterdrückten“ funktioniert nur, wenn auf Seiten ersterer zumindest ein Mindestmaß an Humanität vorhanden ist. Es darf den Mächtigen kurz gesagt nicht egal sein, wenn Menschen sterben. Polemisch formuliert könnte man sagen: Es ist genau deshalb, dass Hungerstreiks nur selten erfolgreich sind. Oft reagieren die adressierten Institutionen und Behörden nämlich einfach nicht, und die Streiks werden beendet. So geschehen auch beim letzten Streik der bereits erwähnten Martha Krumpeck, die im März dieses Jahres bei ihrem Protest gegen den Bau der Wiener Stadtautobahn vor der SPÖ-Parteizentrale kollabierte und daraufhin ihren Hungerstreik abbrach.

Außerdem ist es in Österreich zumindest im Rahmen des Strafvollzugs erlaubt, Menschen im Hungerstreik „nach Anordnung und unter Aufsicht des Arztes zwangsweise zu ernähren“ (§69 Abs.2 Strafvollzugsgesetz). Ob diese Regelung auch für Schubhäftlinge gelten könne, wurde im Jahr 2005 im Rahmen einer Änderung des Fremdenpolizeigesetzes medial aufgeregt diskutiert, von Jurist*innen jedoch verneint. Und auch im Strafvollzug wurde die Möglichkeit zeit ihres Bestehens noch nie umgesetzt.

Effektiv sind Hungerstreiks also eher nicht durch die Erreichung ihres unmittelbaren Ziels, sondern durch die Generierung von Aufmerksamkeit für die eigene Sache. Eine umfassende mediale Debatte des Anliegens von Hungerstreikenden kann so als „Erfolg“ gewertet werden. Das wissen auch jene zivilgesellschaftlichen Organisationen, die die Bedürfnisse der Streikenden unterstützen – sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit für die Anliegen herzustellen. Doch sie wissen dabei genau: In Hungerstreiks geht es um das Leben von Menschen, das Riskieren der Gesundheit von Betroffen ist alles andere als ein „Stilmittel“. Denn an erster Stelle steht immer die körperliche und seelische Unversehrtheit jener Personen, die ohnehin kaum Rechte und Möglichkeiten besitzen.



Einige Beispiele für Hungerstreiks in der Geschichte – wer, wie und warum?

 

Mahatma Gandhi, die Ikone des gewaltlosen Protests, trat insgesamt 18 mal in Hungerstreik. Sein Anliegen war es meist, gegen den Konflikt zwischen Hindus und Muslimen zu protestieren. Manchmal ging es ihm aber auch um die Unterstützung streikender Arbeiter oder um Kritik am indischen Kastensystem. Je populärer Gandhi wurde, desto mehr Gewicht hatten seine Streiks: Niemand wollte sich zu Schulde kommen lassen, die „große Seele“ in den Hungertod getrieben zu haben. Sein längster Streik dauerte 21 Tage.


Als ihr Vorbild bezeichnet ihn Irom Chanu Sharmila. Die Inderin nahm 16 Jahre keine feste Nahrung zu sich, um gegen ein Gesetz in ihrem Heimatbundesstaat Munsipur zu protestieren, das es den dortigen Sicherheitskräften erlaubte, vermeintliche Separatist*innen ohne Verfahren zu töten. Da in Indien ein Hungerstreik als Selbstmordversuch gilt, wurde sie festgenommen und zwangsernährt. Für ihre Standhaftigkeit bekam sie den Spitznamen „Eiserne Lady“. Als sie merkte, dass sich trotz ihres Martyriums nichts änderte, beschloss sie, in die Politik zu wechseln.


Weniger glimpflich ging es für den RAF-Terroristen Holger Meins aus. Um bessere Haftbedingungen zu erreichen und den Status als Kriegsgefangener zu erhalten, begab er sich mit seinen Mitgefangenen drei Mal in Hungerstreik. Abgemagert auf 39 Kilo und ohne Arzt, verstarb Meins schlussendlich am 8. November 1974.


Ein zentrales Mittel zu Durchsetzung politischer Forderungen ist der Hungerstreik auch unter geflüchteten Menschen. Mangels alternativer rechtlicher Möglichkeiten nutzen Asylwerber*innen den Nahrungsverzicht dazu, staatliche Institutionen zu zwingen, Geflüchtete als politische Subjekte anzuerkennen. Zuletzt traten etwa im Juni in London Asylwerber*innen in den Hungerstreik, als diese aufgrund einer fragwürdigen Vereinbarung zwischen den Regierungen von Großbritannien und Ruanda in den ostafrikanischen Staat abgeschoben werden sollten.


In den letzten Jahren nutzen vermehrt Umweltschützer*innen Hungerstreiks, um Aufmerksamkeit für den Klimawandel zu generieren. Im Vorfeld der Bundestagswahl in Deutschland 2021 veranstalteten Aktivist*innen einen „Hungerstreik der letzten Generation“ im Berliner Regierungsviertel. Ziel war es, öffentliche Gespräche mit Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet zu initiieren und die Einberufung eines Bürger*innenrats zum Thema Klimakrise zu erreichen. Die Politiker*innen ließen sich nicht darauf ein, versuchten jedoch, die Aktivist*innen mit faulen Kompromissvorschlägen (ein Vertrösten auf die Zeit nach der Wahl gehörte oft dazu) zum Aufhören zu bewegen.

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